Call for Papers

Call for Papers: Architektur und Akteure in der Nachkriegsgesellschaft. Praxis, Öffentlichkeit, Ethos, am 22. und 23. Juni 2017 in München

Das Forschungsprojekt »Der Architekt Paul Schneider-Esleben und die Nachkriegsmoderne« will mit der Tagung den Blick auf die Architektur und Architekten der Nachkriegszeit richten. Insbesondere interessiert dabei die neue Rolle der Architekten der Nachkriegszeit und inwieweit Architektur interdisziplinärer wurde, aber auch der Zivilisationsbruch zwischen Weimarer Republik, NS-Dikatur und den Folgen soll diskutiert werden. Einsendeschluss für Abstracts: 19. Dezember 2016.

Der Lehrstuhl für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis/Architekturmuseum der TU München richtet die Tagung »Architektur und Akteure in der Nachkriegsgesellschaft: Praxis, Öffentlichkeit, Ethos« im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts »Der Architekt Paul Schneider-Esleben und die Nachkriegsmoderne« aus. Voraus ging die Untersuchung von Leben, Werk und Nachlass Schneider-Eslebens (1915-2005) für eine Ausstellung zum 100. Geburtstag. Dabei öffneten sich neue, gesellschaftsbezogene Felder für eine Forschung, die von subjektzentrierten Konstellationen wie Herkunft, Ausbildung und Netzwerken ausgeht. Indem sie Werk, Erfahrungen und Erkenntnisse aufeinander bezieht, gewinnt sie Relevanz für die Geschichte von Architektur und Gesellschaft, gerade für eine Zeit forcierten Wandels nach dem (verlorenen) Krieg. Die Lebensgeschichte Paul Schneider-Eslebens umschließt das 20. Jahrhundert. Ihre Stationen bilden nicht nur Teile von dessen Architekturgeschichte ab, sondern auch - wechselseitig aufeinander bezogen - gesellschaftlichen Wandel. Eine biographisch geleitete Untersuchung verknüpft Akteure, Narrative, Praxen, Orte, Milieus, Entwürfe und kreative Strategien. Sie weist über die Person hinaus auf das, als was sich die Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg versteht.

Aus der so modellierten Beziehung aus Akteur(en), architektonischer Moderne und Nachkriegsgesellschaft leiten sich die Fragen für die Tagung ab. Es sind Beiträge erwünscht, die von biographischen Aspekten auf Öffentlichkeit, Praxis und Ethos des Berufsstands in der Zeit um 1945/1955 schließen. Doch auch solche mit einer umgekehrt deduktiven Perspektive sind gerne willkommen. Es könnte dabei das sich wandelnde Anforderungsprofil für den Beruf zu betrachten sein, das durch Expansion gekennzeichnet war. Auch die Vielfalt der Akteure, die über das Bauen reflektierte, nahm zu (nicht nur unter Architekten, Behörden und Baufirmen, sondern auch verstärkt unter Journalisten, Politikern, Bürgern, Künstlern, Kunsthistorikern, Kuratoren, Philosophen, Schriftstellern, Professoren, Geistlichen, Vereinen und Verbänden) - Architektur wurde interdisziplinärer. Architekten, so scheint es, wuchsen stärker in die Gesellschaft hinein, vernetzten sich enger mit anderen Professionen - mit Auswirkungen auf Werk, Diskurs und Habitus. Und wie verhielten sich Interessensverbände der Nutzer (organisiert beispielsweise in Frauen- oder Lehrerverbänden) – forderten sie Partizipation ein?

»Wie war das nur möglich?«, fragte Rudolf Schwarz auf dem Darmstädter Gespräch 1951. Damit meinte er das Ausbleiben einer zweiten Generation von Architekten nach dem »Aufbruch in die Moderne« der Künstlerkolonie Mathildenhöhe fünfzig Jahre zuvor. Die Frage betrifft aber auch die Zäsur, den Zivilisationsbruch: NS-Diktatur, Weltkrieg, Holocaust, Verwüstung und Vertreibung, zum Schluss auch des Tätervolks. Auch wenn Eingeständnisse von Schuldempfinden selten waren, reflektierte der Berufsstand über sein Ethos. Was war ihre Bedeutung im Nationalsozialismus gewesen und wie gingen sie danach damit um? Welche Art von Gesellschaft imaginierten sie in ihren Konstruktionen? Und nahm ‚die Gesellschaft‘ diese Vision an?

Über diese Fragen hinaus werden Beiträge zu folgenden Themen erbeten:

Architektur und Öffentlichkeit: Wer waren die Akteure, die Gesellschaft mit Architektur und Wiederaufbau zusammendachten? Welche Konzepte und gesetzlichen Regelungen entstanden dabei? Wie und wo legitimierten Architekten ihre (Wiederaufbau-)Planungen und wer hörte ihnen dabei zu? Wie veränderten sich Beruf und Berufsstand, als seine Angehörigen in Medien, Kommissionen, bei Ausstellungen und Podiumsdiskussionen öffentlich tätig wurden? Was wiederum bewirkten Bürger, die Mitbestimmung forderten?

Berufsstand und Ethos: Unter welchem, auch ethisch motiviertem Erneuerungsdruck stand der Berufsstand in der Nachkriegsöffentlichkeit? Wie setzten sich Architekten mit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung sowohl im Werk wie im Diskurs auseinander? Und wer urteilte darüber?

Interessenten sind eingeladen, ihren Vorschlag (maximal 500 Wörter) für einen Vortrag von 20 bis 30 Minuten Länge und einen kurzen CV bis zum 19. Dezember 2016 einzureichen. Die Beiträge sollen im Anschluss an die Tagung veröffentlicht werden. Redaktionsschluss ist der 30. September 2017. Bitte beachten Sie, wenn Sie einen Vorschlag einreichen, auch bereits diesen Termin.

Bitte senden Sie Ihre Vorschläge an: r.hess@tum.de

Konzept und Organisation:
Dr. Regine Heß, Lehrstuhl für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis/Architekturmuseum, Technische Universität München.

- English Version -

The Chair of History of Architecture and Curatorial Practice / Architecture Museum of the TU Munich is organising the conference Architecture and its Actors in Postwar Society: Practice, Public, Ethos. This is part of the research project titled The Architect Paul Schneider-Esleben and Postwar Modernity, funded by the German Research Foundation. The research project was preceded by the analysis of the life, work, and estate of Paul Schneider-Esleben (1915–2005) as preparation for an exhibition in 2015. In the process, new society-related fields opened up, giving rise to research based on subject-centered constellations such as origin, studies, and networks. By relating oeuvre, experience, and knowledge, this sort of research is gaining relevance for both architectural and social history, especially for study of the period of change after a (lost) war. The biography of Paul Schneider-Esleben spans the 20th century. The stations of Schneider-Eslebens life not only illustrate architectural history but - in reciprocal relation - societal change. A biographical analysis allows linkages of players, narratives, practices, places, milieus, and creative strategies. It points us beyond the individual to what society after World War II understands itself as.

Based on this model of connection between actor(s), architectural modernity, and postwar society, the guiding questions of the conference emerge. Contributions are welcome from those arguing out of biographical perspectives towards questions of the public, the practice, and the ethos of the profession around 1945/1955. On the other hand, contributions which argue vice versa from a deductive perspective are equally welcome.

The changing requirements profile of the profession was characterized by expansion. The diversity of actors dealing with building grew exponentially (not only architects, authorities, and building companies, but also journalists, politicians, citizens, artists, philosophers, writers, clergy, art historians, curators, professors) - architecture steadily became more interdisciplinary. Architects, it seems, became increasingly interwoven with related actors and professions – with consequences for oeuvre, discourse, and habitus. But what about other stakeholders in the wider 'society' - to what extent did their participation in the work of architects increase?

"How was it possible?", Rudolf Schwarz asked at the Darmstädter Gespräch 1951. He was referring to the non-emergence of a following generation of architects in the "wake of the modernism dawn" at the Künstlerkolonie Mathildenhöhe in 1901, fifty years earlier. The question, however, concerns the caesura, the breach of civilization: National Socialist dictatorship, world war, the Holocaust, devastation, and expulsion, in the end also that of the perpetrators. Although candid confessions of guilt feelings have been more seldom than one would hope, the profession reflected its ethos. What was their position in the "Third Reich" and how did they deal with it afterwards? What kind of society did they imagine in their constructions? And did ‘society’ accept these visions?

Beyond those questions contributions are welcome on these topics:

Architecture and the public: Who were the actors thinking about society in combination with architecture and reconstruction? Which concepts and legal regulations resulted from this? How and where did architects legitimate their (reconstruction-) plans and who listened to them? In what way did the profession as its members acted in the media, commissions, exhibitions, and public discussions change?

Profession and ethos: What kind and extent of ethically motivated pressure for change were architects under in the post war era? How have architects dealt with their social responsibility in oeuvre and discourse? And who was judging them?

Interested persons are invited to submit a proposal (500 words max) for a presentation of 20 to 30 minutes and a short CV until December 19, 2016. The papers will be published afterwards. Therefore the deadline is September 30, 2017. Please have this date in mind if you submit a proposal.

Please send your proposals to: r.hess@tum.de

Concept and organization:
Dr. Regine Heß, Chair of History of Architecture and Curatorial Practice / Architecture Museum of the Technical University Munich

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