Call for Papers

Call for Papers: (de)formatio corporis. Der inszenierte Leichnam als Aistheton, am 18. und 19. November 2016 in Tübingen

Bildwisseschaftliche Fragestellungen will die Tagung mit Geiseswissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen diskutieren. Im Mittelpunkt steht dabei die Inszenierung des Leichnams und auch des menschlichen Körpers. Einsendeschluss für Abstracts: 30. September 2016.

"Zur primären Erfahrung des Todes gehört der Gedanke, daß der Körper im Tode nicht nur zum Leichnam, sondern auch zu einem 'Bild' des Toten wird. … Das ursprünglichste Bild des Toten ist sein eigener Leichnam." Die von Jan Assmann 2001 in Anlehnung an Hans Belting konstatierte historische Kongruenz von Bild und Leichnam verweist dezidiert auf das sich zwischen Körper, Bild und Abbild, zwischen Präsenz und Repräsentation des (toten) Körpers, entfaltende visuelle Spannungsfeld, dem sich die Tagung aus interdisziplinärer Perspektive widmen möchte.

Als Schnittstelle theologischer, politischer und naturphilosophischer Diskurse fungierte der tote Körper in seiner semantischen Vielschichtigkeit als Experimentierfeld künstlerischer Praxis, die vielfach von programmatischen Grenzüberschreitungen bestimmt war. Die hinter der vormodernen Inszenierung des toten Körpers stehenden aisthetischen Konzepte oszillieren dabei zwischen Formen der medialen Erfassung menschlicher Überreste und der visuellen Evokation seiner somatischen Anwesenheit. Inwieweit theologische Normen und soziokulturelle Praktiken wie beispielsweise rituelle oder zeremonielle Akte für die Wahrnehmung des Leichnams als Reflexionsgegenstand prägend waren, zeigt sich bereits in der tradierten Verwendung von Begrifflichkeiten: Galt der cadaver (Leichnam) in der Vormoderne als unbeseelt, wurden die beseelten Überreste etwa von Heiligen in der Regel als corpus (Körper) bezeichnet. In derartigen Dichotomien und diskursiven Kodierungen erweisen sich die menschlichen Überreste aufgrund ihrer Medialität und Materialität als zentrale Träger kultureller Semantiken, die im Rahmen der Tagung konturiert werden sollen. Im Anschluss an aktuelle rezeptionsästhetische Ansätze und jüngere bildwissenschaftliche Forschungen, welche mit einem historisch-anthropologischen Interesse das Verhältnis von Bild, Körper und Repräsentation verfolgen, soll der Leichnam als erkenntnisstiftendes Anschauungsobjekt in seiner kulturellen Valenz untersucht werden. Die Tagung möchte in diesem Kontext anhand von Fallstudien nicht nur die künstlerischen Strategien der Visualisierung, Stellvertretung und Vergegenwärtigung herausarbeiten, sondern auch der reziproken Relation von realen und dargestellten menschlichen Leichnamen nachgehen. Die beschriebenen Aspekte verstehen sich dabei als Ausgangspunkt einer konzeptuellen Annäherung an die ästhetischen Dimensionen der Inszenierung des menschlichen Leichnams als Aistheton in der Kunst der Vormoderne.

Die Tagung richtet sich in erster Linie an Nachwuchswissenschaftler_innen aller geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen, die an bildwissenschaftlichen Fragestellungen interessiert sind. Wir freuen uns über die Zusendung von Themenvorschlägen (max. 300 Wörter, deutsch oder englisch) für Vorträge (30 Minuten) zusammen mit einer kurzen Biografie bis zum 30. September 2016 an: anna.pawlak@uni-tuebingen.de und daniela.wagner@uni-tuebingen.de. Eine Publikation der Beiträge ist vorgesehen. Die Kosten für Reise und Unterkunft werden erstattet.

Konzeption und Organisation: Prof. Dr. Anna Pawlak und Dr. Daniela Wagner, Kunsthistorisches Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen

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