Call for Papers

Call for Papers: »On the Spot at the Time«. Augenzeugenschaft und Authentizität in der Kunst seit 1800, vom 28. bis 30. September 2017 in Gießen

Der Augenzeuge, ein mysteriöses Wesen... Er ist nicht als schlimmster Feind des Historikers verschrien, sondern gilt bereits seit dem 18. Jahrhundert als ein zweifelhaftes Wesen. Aber ist das auch in der Kunst so? Welche Bedeutung hat Augenzeugenschaft für Bilder, Aktionen und Installationen, aber auch für Kunstinstitutionen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts? Diese Fragen will die Tagung diskutieren und ruft Promovenden auf, ihre Erkenntnisse vorzustellen. Einsendeschluss für Abstracts: 22. Januar 2017.

Augenzeugenschaft ist heute ein ebenso allgegenwärtiges wie heikles Konzept: Die große Mobilität von Personen, Dingen und Informationen bringt eine Vielzahl echter oder gefühlter Augenzeugen hervor; die Manipulierbarkeit digitaler Bilder rückt Augenzeugenschaft gleichzeitig in die Nähe des Zweifelhaften und Zweideutigen.

Ein Problembewusstsein in Sachen Augenzeugenschaft geht dieser Zustandsbeschreibung zeitlich deutlich voraus und ist bereits seit der Epochenschwelle zur Moderne zu konstatieren. In der Geschichtsschreibung kam es schon im Verlauf des 18. Jahrhunderts zur Abwertung des Augen-zeugnisses und zur Aufwertung vermeintlich neutraler Schriftquellen. Gründe dafür waren die Einsicht in die „Standortgebundenheit“ (Reinhard Koselleck) von Historiker und Augenzeuge sowie die Überzeugung, dass zeitliche Distanz der Erkenntnis historischer Zusammenhänge zuträglich sei. Gegenüber der vergangenheitsorientierten und textgestützten Geschichtswissenschaft, die das Resultat dieser Entwicklung war, bewirkte die Beschäftigung mit dem Holocaust erneut eine kritische, aber auch affirmative Auseinandersetzung mit (Zeit )Zeugenschaft. In diesem Zusammen-hang wandte sich ebenfalls die Philosophie der Zeugnisfrage zu, obwohl die Erkenntnistheorie der Moderne und Postmoderne durch die Vorstellung vom autarken Erkenntnissubjekt den Status des Zeugnisses anderer eher unterminiert.

Vor dem Hintergrund solch instabiler und differenter Einschätzungen will sich die Tagung mit der Bedeutung von Augenzeugenschaft für künstlerische Bilder, Aktionen und Gegenstände sowie Kunstinstitutionen im 19. bis 21. Jahrhundert befassen.

Adressiert wird also ein Zeitraum, in dem üblicherweise das fotografische Dispositiv die Diskussion um den Zeugnischarakter von Bildern dominiert. Da die Herausbildung dieses bildgebenden Verfahrens auf ein bereits bestehendes, allgemeines Bedürfnis nach Zeugenschaft im Visuellen antwortete, ein Bedürfnis, das auch durch nicht-fotografische Bilder gestillt wurde, soll „Augenzeugenschaft“ als Diskurs und Praxis jedoch insbesondere vor, neben und jenseits der Fotografie untersucht werden.

Vier Gegenstandsfelder sind dabei zentral: traditionelle Bildmedien, bei denen Zeugenschaft eine Rolle spielt, neuere Kunstformen, die in besonderer Weise nach visueller Zeugenschaft der Betrachter verlangen, Institutionen, die eine Augenzeugenschaft im Zusammenhang mit den Künsten rahmen und initiieren, schließlich künstlerisch gestaltete Artefakte, die Augenzeugenschaft thematisieren und inszenieren.

Auf all diesen Feldern kann es nicht darum gehen, einzelne Gegenstände und Phänomene als transparente Zeugnisse von Augenzeugenschaft zu begreifen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit sollen vielmehr Konstruktionen von Augenzeugenschaft stehen, die als Faktor bei der Produktion ebenso wie bei der Rezeption wirksam wurden, sowie Effekte von Augenzeugenschaft, welche von Form, Inhalt, Technik oder Medium der untersuchten Bilder, Dinge und Aufführungen hervorgerufen werden.

Dieses konstruktivistische Verständnis von Augenzeugenschaft lenkt den Blick auf Reibungspunkte, Brüche und Ambivalenzen. Als Mittel der Beglaubigung eingesetzt, ist „Augenzeugenschaft“ in einen Diskurs zur ästhetischen Authentizität eingespannt, in dem auf der einen Seite das unverfälscht schaffende Künstlersubjekt und die Autorität und Originalität seines Werkes, auf der anderen Seite eine Wirklichkeit der Kunst in Bezug auf die Realität verhandelt werden. Dieser durchaus widersprüchliche Diskurs, das Dilemma, dass Authentizität nur in mediatisierter und damit mittelbarer Form wahrnehmbar ist, schließlich die Tatsache, dass die gegenwärtige Diskussion um „Authentizität“ das Indiz für ein diffuses Mangelempfinden ist: all dies tangiert die mit der Tagung angesprochenen Phänomene.

Willkommen sind Beiträge aus dem Fach Kunstgeschichte und allen angrenzenden Disziplinen unter anderem zu folgenden Themenkomplexen:

  • Konstruktionen und Effekte von Augenzeugenschaft bei und in künstlerischen Bildern und Gegenständen in der Zeit von ca. 1800 bis 2000. (Fotografie kann dann Thema sein, wenn sie im Sinne der „méta-témoignage“ [Jacques Derrida] das Wesen von Zeugenschaft reflektiert; nicht-künstlerische Bilder sind selbstverständliche Referenz und als solche gleichberechtigter Forschungsgegenstand);
  • ephemere Kunstformen und die Bedeutung von Augenzeugenschaft im Zusammenhang mit Fragen nach Authentizität und Präsenz;
  • die Rolle von Kunstinstitutionen als Orte der Autopsie originaler Kunstwerke und der Rahmung authentischer Kunsterlebnisse;
  • die Frage nach Visualität und Zeugenschaft in den Künsten im Zusammenhang mit Diskursen zu Authentizität und Authentifizierung, zur Historiographie und Epistemologie, aber auch solchen zur Optik sowie zur Wahrnehmungsphysiologie und –psychologie;
  • methodische Überlegungen zur Frage nach Visualität und Zeugenschaft in den Künsten, die avancierten bildwissenschaftlichen Konzepten Rechnung tragen.

Der Call richtet sich an Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ab der Promotionsphase. Tagungsbeiträge sollten eine Länge von 30 Minuten nicht überschreiten und können auf Deutsch und Englisch gehalten werden.

Einreichung von Vorschlägen für Tagungsbeiträge (nicht länger als 300 Wörter) in deutscher oder englischer Sprache sowie einen kurzen Lebenslauf bis zum 22.01.2017 an: tagung-augenzeugenschaft@kunst.uni-giessen.de

Eine Mitteilung über die Annahme der Beiträge erfolgt bis zum 05.02.2017. Reisekosten können vorbehaltlich einer noch ausstehenden Förderzusage ganz oder in Teilen erstattet werden. Es wird keine Konferenzgebühr erhoben. Eine Publikation ist geplant.

Konzeption: Prof. Dr. Claudia Hattendorff; Lisa Beißwanger M.A.
Informationen und Kontakt:
tagung-augenzeugenschaft@kunst.uni-giessen.de
www.jlu-giessen.de/augenzeugenschaft

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